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Full text of "Vorschlag für eine Regelung des Danzig-Korridor-Problems sowie der deutsch-polnischen Minderheitenfrage vom 31. August 1939 (16-Punkte)"

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Die Woche vor dem 2. Weltkrieg 

Die Geschichte der letzten Augustwoche 1939, das eigentliche diplomatische Vorspiel des 
deutsch-polnischen Krieges, ist in den vom Auswärtigen Amt als Weißbuch herausgege- 
benen Urkunden enthalten. Adolf Hitler brachte durch sein Antwortschreiben an Cham- 
berlain vom 23. August und eine dem britischen Botschafter Sir Neville Henderson am 25. 
August in Berchtesgaden gemachte Erklärung die Auseinandersetzung auf den beiden 
Ebenen des deutsch-polnischen Problems und der deutsch-englischen Beziehungen 
gleichzeitig in Fluss. Er ließ auf der einen Seite keinen Zweifel, daß Polens Provokationen 
und Terrormaßnahmen für das Reich unerträglich geworden seien und daß auch das 
Danzig-Korridor-Problem seine Lösung finden müsse und werde. Auf der anderen Seite 
hat Hitler wie schon in der Reichstagsrede vom 28. April, die auch den deutsch-englischen 
Flottenpakt der Einkreisungspolitik wegen für hinfällig erklärt hatte, das Britische Empire 
bejaht und angekündigt, "er werde sofort nach Lösung der deutsch-polnischen Frage mit 
einem Angebot an die britische Regierung herantreten". Gleichzeitig wurde England und - 
in einem Führerschreiben an Daladier auf dessen Appell hin - auch Frankreich reiner Wein 
über die zu erwartende Lage im Kriegsfall eingeschenkt: "Im Unterschied zu dem letzten 
Kriege würde Deutschland keinen Zweifrontenkrieg mehr zu führen haben... " - "Ich bin mir 
im klaren über die schweren Konsequenzen, die ein solcher Konflikt mit sich bringt. Ich 
glaube aber, die schwerste würde Polen zu tragen haben, denn ganz gleich, wie auch ein 
Krieg um diese Frage ausging, der polnische Staat von jetzt wäre so oder so verloren." 
Das britische Memorandum vom 28. August gibt zu, daß einer umfassenden deutsch- 
englischen Verständigung "eine Lösung der zwischen Deutschland und Polen bestehen- 
den Differenzen vorangehen muß", verschanzt sich aber wieder hinter dem Garantie- 
abkommen und redet schließlich direkten Verhandlungen zwischen Berlin und Warschau 
das Wort. 

Am 29. August erklärte sich Deutschland durch ein dem britischen Botschafter nachmit- 
tags 18.45 Uhr übergebenes Antwortschreiben einverstanden, "die vorgeschlagene Ver- 
mittlung der Kgl. Britischen Regierung zur Entsendung einer mit allen Vollmachten verse- 
henen polnischen Persönlichkeit nach Berlin anzunehmen. Sie (die Reichsregierung) 
rechnet mit dem Eintreffen dieser Persönlichkeit für Mittwoch, den 30. August 1939. Die 
Reichsregierung wird die Vorschläge einer für sie akzeptablen Lösung sofort ausarbeiten 
und diese, wenn möglich, bis zur Ankunft des polnischen Unterhändlers auch der Briti- 
schen Regierung zur Verfügung stellen". In den nächsten 48 Stunden wurde die Reichsre- 
gierung auf ihrem Verhandlungsangebot sitzen gelassen, da am 30. der britische Bot- 
schafter in einem neuen Memorandum mitteilte, es sei nach Londoner Ansicht "untunlich", 
die deutsch-polnischen "Fühlungnahme schon heute herzustellen", und noch am 31. 
nachmittags der polnische Botschafter in Berlin erklärte, er sei "nicht bevollmächtigt, in 
irgendeine Diskussion einzutreten oder gar zu verhandeln". Stattdessen traf bereits am 30. 
August, nachmittags 17.30 Uhr die telefonische Mitteilung des deutschen Geschäfts- 
trägers aus Warschau ein, daß Polen durch Maueranschlag die allgemeine Mobilmachung 
befohlen und als ersten Mobilmachungstag den 31. August bestimmt hatte. 

Ein am 31. August 1939 um 21.15 Uhr in Berlin über den Rundfunk veröffentlichter "Vor- 
schlag für eine Regelung des Danzig-Korridor-Problems sowie der deutsch-polnischen 
Minderheitenfrage" war in allen Einzelheiten dem britischen Botschafter in der Nacht 
vorher vom Reichsaußenminister vorgelesen worden: 



Vorschlag für eine Regelung des Danzig-Korridor-Problems sowie der deutsch- 
polnischen Minderheitenfrage vom 31. August 1939 

1. Die Freie Stadt Danzig kehrt auf Grund ihres rein deutschen Charakters sowie des 
einmütigen Willens ihrer Bevölkerung sofort in das Deutsche Reich zurück. 

2. Das Gebiet des so genannten Korridors, das von der Ostsee bis zu der Linie 
Marienwerder-Graudenz-Kulm-Bromberg (diese Städte einschließlich) und dann etwa 
westlich nach Schönlanke reicht, wird über seine Zugehörigkeit zu Deutschland oder zu 
Polen selbst entscheiden. 

3. Zu diesem Zweck wird dieses Gebiet eine Abstimmung vornehmen. Abstimmungsbe- 
rechtigt sind alle Deutschen, die am 1. Januar 1918 in diesem Gebiete wohnhaft waren 
oder bis zu diesem Tage dort geboren wurden, und desgleichen alle an diesem Tage in 
diesem Gebiet wohnhaft gewesenen oder bis zu diesem Tage dort geborenen Polen, 
Kaschuben usw. Die aus diesem Gebiet vertriebenen Deutschen kehren zur Erfüllung 
ihrer Abstimmung zurück. 

Zur Sicherung einer objektiven Abstimmung sowie zur Gewährleistung der dafür notwen- 
digen umfangreichen Vorarbeiten wird dieses erwähnte Gebiet ähnlich dem Saargebiet 
einer sofort zu bildenden internationalen Kommission unterstellt, die von den vier Groß- 
mächten Italien, Sowjetunion, Frankreich, England gebildet wird. Diese Kommission übt 
alle Hoheitsrechte in diesem Gebiet aus. Zu dem Zweck ist dieses Gebiet in einer zu 
vereinbarenden kürzesten Frist von den polnischen Militärs, der polnischen Polizei und 
den polnischen Behörden zu räumen. 

4. Von diesem Gebiet bleibt ausgenommen der polnische Hafen Gdingen, der grundsätz- 
lich polnisches Hoheitsgebiet ist, insoweit er sich territorial auf die polnische Siedlung 
beschränkt. 

Die näheren Grenzen dieser polnischen Hafenstadt wären zwischen Deutschland und 
Polen festzulegen und nötigenfalls durch ein internationales Schiedsgericht festzusetzen. 

5. Um die notwendige Zeit für die erforderlichen umfangreichen Arbeiten zur Durchführung 
einer gerechten Abstimmung sicherzustellen, wird diese Abstimmung nicht vor Ablauf von 
12 Monaten stattfinden. 

6. Um während dieser Zeit Deutschland seine Verbindung mit Ostpreußen und Polen 
seine Verbindung mit dem Meere unbeschränkt zu garantieren, werden Straßen- und 
Eisenbahnen festgelegt, die einen freien Transitverkehr ermöglichen. Hierbei dürfen nur 
jene Abgaben erhoben werden, die für die Erhaltung der Verkehrswege bzw. für die 
Durchführung der Transporte erforderlich sind. 

7. Über die Zugehörigkeit des Gebietes entscheidet die einfache Mehrheit der abgegebe- 
nen Stimmen. 

8. Um nach erfolgter Abstimmung - ganz gleich, wie diese ausgehen möge - die Sicherheit 
des freien Verkehrs Deutschlands mit seiner Provinz Danzig-Ostpreußen und Polen seine 
Verbindung mit dem Meere zu garantieren, wird, falls das Abstimmungsgebiet an Polen 
fällt, Deutschland eine exterritoriale Verkehrszone, etwa in Richtung von Bütow-Danzig 
bzw. Dirschau, gegeben zur Anlage einer Reichsautobahn sowie einer viergleisigen 
Eisenbahnlinie. Der Bau der Straße und der Eisenbahn wird so durchgeführt, daß die 
polnischen Kommunikationswege dadurch nicht berührt, d.h. entweder über- oder unter- 



fahren werden. Die Breite dieser Zone wird auf einen Kilometer festgesetzt und ist 
deutsches Hoheitsgebiet. 

Fällt die Abstimmung zugunsten Deutschlands aus, erhält Polen zum freien und uneinge- 
schränkten Verkehr nach seinem Hafen Gdingen die gleichen Rechte einer ebenso exter- 
ritorialen Straßen- bzw. Bahnverbindung, wie sie Deutschland zustehen würden. 

9. Im Falle des Zurückfallens des Korridors an das deutsche Reich erklärt sich dieses 
bereit, einen Bevölkerungsaustausch mit Polen in dem Ausmaß vorzunehmen, als der 
Korridor hierfür geeignet ist. 

10. Die etwa von Polen gewünschten Sonderrechte im Hafen von Danzig würden paritä- 
tisch ausgehandelt werden mit gleichen Rechten Deutschlands im Hafen von Gdingen. 

11. Um in diesem Gebiet jedes Gefühl einer Bedrohung auf beiden Seiten zu beseitigen, 
würden Danzig und Gdingen den Charakter einer Handelsstätte erhalten, d.h. ohne militä- 
rische Anlagen und militärische Befestigungen. 

12. Die Halbinsel Heia, die entsprechend der Abstimmung entweder zu Polen oder zu 
Deutschland käme, würde in jedem Fall ebenfalls zu demilitarisieren sein. 

13. Da die Deutsche Reichsregierung heftigste Beschwerden gegen die polnische Minder- 
heitenbehandlung vorzubringen hat, die polnische Regierung ihrerseits glaubt, auch 
Beschwerden gegen Deutschland vorbringen zu müssen, erklären sich beide Parteien 
damit einverstanden, daß diese Beschwerden einer international zusammengesetzten 
Untersuchungskommission unterbreitet werden, die die Aufgabe hat, alle Beschwerden 
über wirtschaftliche und physische Schädigungen sowie sonstige terroristische Akte zu 
untersuchen. 

Deutschland und Polen verpflichten sich, alle seit dem Jahre 1918 etwa vorgekommenen 
wirtschaftlichen und sonstigen Schädigungen der beiderseitigen Minoritäten wieder 
gutzumachen, bzw. alle Enteignungen aufzuheben oder für diese und sonstige Eingriffe in 
das wirtschaftliche Leben eine vollständige Entschädigung den Betroffenen zu leisten. 

14. Um den in Polen verbleibenden Deutschen sowie den in Deutschland verbleibenden 
Polen das Gefühl der internationalen Rechtlosigkeit zu nehmen und ihnen vor allem die 
Sicherheit zu gewähren, nicht zu Handlungen bzw. zu Diensten herangezogen werden zu 
können, die mit ihrem nationalen Gefühl unvereinbar sind, kommen Deutschland und 
Polen überein, die Rechte der beiderseitigen Minderheiten durch umfassendste und 
bindende Vereinbarungen zu sichern, um diesen Minderheiten die Erhaltung, freie 
Entwicklung und Betätigung ihres Volkstums zu gewährleisten, ihnen insbesondere zu 
diesem Zweck die von ihnen für erforderlich gehaltene Organisierung zu gestatten. Beide 
Teile verpflichten sich, die Angehörigen der Minderheit nicht zum Wehrdienst heranzuzie- 
hen. 

15. Im Falle einer Vereinbarung auf der Grundlage dieser Vorschläge erklären sich 
Deutschland und Polen bereit, die sofortige Demobilmachung ihrer Streitkräfte 
anzuordnen und durchzuführen. 

16. Die zur Beschleunigung der obigen Abmachungen erforderlichen weiteren Maßnah- 
men werden zwischen Deutschland und Polen gemeinsam vereinbart. 



Die 16-Punkte-Vorschläge der Reichsregierung zur Beseitigung der deutsch-polnischen 
Spannungen verlangten also nur die sofortige Rückkehr Danzigs zum Reich. Im Korridor 
sollte erst nach Jahresfrist eine Abstimmung unter Kontrolle der vier Großmächte Italien, 
Sowjetunion, Frankreich und England über die künftige Zugehörigkeit zu Deutschland oder 
Polen entscheiden. Gdingen sollte polnisch bleiben und ebenso wie Danzig entmilitari- 
siertes Gebiet sein. Durch das Ausbleiben eines bevollmächtigen polnischen Unterhänd- 
lers sah die Reichsregierung "auch diesmal ihre Vorschläge praktisch als abgelehnt an". 

Am 1. September setzte die deutsche militärische Abwehraktion gegen Polen ein, nach- 
dem noch vor Mitternacht schwerste Übergriffe auf deutsches Reichsgebiet gemeldet 
waren. "Polen hat nun heute Nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch 
durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurück geschossen!" Mit 
diesen Worten bestätigte Adolf Hitler am 1 . September vor dem Reichstag den Beginn der 
Aktion, nachdem er in den ersten Morgenstunden seinen Aufruf an die Deutsche Wehr- 
macht erlassen hatte. Danzigs Aufnahme ins Reich wurde Gesetz. Am Abend des glei- 
chen Tages überreichten erst der britische und anschließend der französische Botschafter 
gleich lautende Noten mit der Forderung, die deutschen Truppen "unverzüglich aus polni- 
schem Gebiet zurückzuziehen", widrigenfalls die beiden Westmächte "ohne Zögern ihre 
Verpflichtung gegenüber Polen erfüllen" würden. Der Reichsaußenminister lehnte die in 
den beiden Noten enthaltene Behauptung eines deutschen Angriffes auf Polen sofort ab. 

Am 2. September vormittags teilte der italienische Botschafter mit, Italien habe "noch die 
Möglichkeit, von Frankreich, England und Polen eine Konferenz annehmen zu lassen" auf 
der Grundlage eines "Waffenstillstandes, der die Armeen lässt, wo sie jetzt sind". Am glei- 
chen Abend jedoch musste der italienische Botschafter den Reichsaußenminister dahin 
verständigen, daß die von Deutschland wie von Frankreich begrüßte Initiative des Duce 
durch England mit Berufung auf die "Invasion" Polens und die "einseitige Lösung" in 
Danzig abgelehnt sei. Der diplomatische Schlussakt in zwei Auftritten spielte sich dann am 
3. September ab. 9 Uhr vormittags überreichte der britische Botschafter ein auf zwei Stun- 
den befristetes Ultimatum, nach dessen begründeter Ablehnung durch die Reichsregie- 
rung England sich im Kriegszustand mit dem Reich befindlich erklärte. Der französische 
Botschafter brachte mittags der Reichsregierung zur Kenntnis, daß Frankreich sich 
verpflichtet sehe, seine vertraglichen Bindungen gegenüber Polen ab 3. September 17 Uhr 
zu erfüllen. 

Damit wurde der deutsch-polnische Krieg um die Lösung der Korridorfrage und der Befrei- 
ung Danzigs durch den Eintritt der britischen und französischen Nation mitsamt ihren 
weltweiten Kolonien in das Kriegsgeschehen zu einem Weltkrieg. Das Unheil nahm seinen 
Lauf.